Leben mit Behinderung – Gedanken dazu

Ich starte hiermit einen neuen Text über das Leben mit Behinderung.  Ich mache mir – logischerweise – viele Gedanken dazu, wie ein Leben mit Behinderung aussieht. Ich erlebe es ja durch Julian jeden Tag. Und in meinem Beitrag hier geht es um die Sichtweise auf schwerst körperlich behinderte Intensivkinder.

Ich habe heute diesen Artikel entdeckt: https://ze.tt/praenataldiagnostik-warum-schwangere-sich-gegen-behinderte-kinder-entscheiden/

Am Ende steht „Menschen mit Behinderung wird es immer geben […]. Wir sollten die Debatte führen, wie ein gutes Leben möglich sein kann – für uns alle. Und dann politische Rahmenbedingungen dafür schaffen und mindestens die, die es bereits gibt, einhalten“. Im Grund ist damit alles gesagt. Jeder der nichts oder wenig mit behinderten Menschen zu tun hat, wird wahrscheinlich sagen. „Stimmt – klingt gut. Sollten wir machen.“

Aber was genau heißt das eigentlich konkret? Was heißt „ein gutes Leben – für uns alle“?

Als erstes denkt man vermutlich erstmal an das „arme“ behinderte Kind. Das benötigt die größtmögliche Unterstützung. Das stimmt auch so. Julian war von Beginn an noch hilfloser als ein Baby ohnehin schon ist. Er war noch nicht mal in der Lage selber zu atmen und zu schlucken. Er konnte sich nicht durch schreien bemerkbar machen, dass er ein Problem hatte. Somit war auf noch mehr Hilfe angewiesen als ein Baby. Diese Hilfe bekam er auf den Intensivstationen in Hamburg und Paderborn. Und natürlich auch von uns Eltern. Seit Julian zu Hause ist, benötigt er rund um die Uhr Hilfe von Pflegefachkräften. Mittlerweile hat er zwar gelernt sich mit Klopf- und sonstigen Bewegungen auf sich aufmerksam zu machen, im Rolli kann er sich selbstständig fortbewegen und auch die Atmung ist mittlerweile meistens selbstständig möglich. Trotzdem benötigt er weiterhin viel Hilfe. Wenn er zu viel Sekret in der Lunge/ Kanüle entwickelt, muss er abgesaugt werden. Wenn er sein Essen ausspuckt, muss er abgesagt werden, damit er nicht daran erstickt. Er kann nach wie vor nicht schlucken, so dass er sein Essen und Trinken sondiert bekommt. Ohne Hilfe würde er vermutlich keinen ganzen Tag überleben. Und diese Hilfe ist permanent erforderlich. Der Notfall (Sekret oder Nahrung setzt die Kanüle zu) kann schließlich in jeder Sekunde passieren – Tag und Nacht.

Es ist also unumstritten, dass Julian Hilfe benötigt, um überhaupt leben zu können.

Nun steht im Artikel ja „gutes Leben“. Darüber lässt sich natürlich vortrefflich streiten. Aber Julian möchte wie jeder 5jährige auch die Welt entdecken. Er möchte ganz sicher nicht, den ganzen Tag in einem Krankenhauszimmer verbringen und an die Decke starren. Damit würde er zwar überleben, aber schön bzw. gut wäre das ganz sicher nicht. Also versuchen wir alles zu ermöglichen, damit Julian ein vergleichsweise normalen Alltag hat – mit Spielen, Musik, Bewegung, Lernen, Ausflüge und allem, was dazu gehört. Nun haben alle diese Aspekte gemeinsam, das sie zunächst Aufwand bedeuten:

  • Beim Spielen ist es nun mal nicht so einfach Spiele zu finden, bei dem er mit seinen eingeschränkten Möglichkeiten auch Freude hat. Er kann keine Bauklötze stapeln und schon gar nicht Lego zusammensetzen. Also findet man Magnetspielzeuge, bei dem er mit geringem Aufwand auch etwas „bauen“ kann.
  • Bei der Musik kann er sich weder eine Figur auf die Toniebox stellen noch kann er sich den iPod selber starten. Er ist darauf angewiesen, dass ihm jemand die Musik oder das Hörspiel anmacht. Verbunden mit der Herausforderung, dass er nicht sagen kann, welches Hörspiel er jetzt gerne hören möchte. Also bleibt es ein Rätselraten.
  • Bei der Bewegung kann er nicht einfach vom Boden aufstehen und loslaufen. Er macht sich bemerkbar und robbt zur Tür – in der Hoffnung, dass ihn jemand versteht und ihn in den Rolli setzt. Das wiederum birgt die Herausforderung, dass er nicht seinen Bruder im 1. Stock besuchen kann, weil die Treppe ein unüberwindliches Hindernis ist. Selbst der Garten ist eine Hürde, da wir ihm eine kleine Rampe bauen müssen, um über die Schwelle zu kommen. Aktuell übt er so über die Schwelle zu kommen. Das wird sicherlich eines Tages klappen, aber es wird dauern und viel Üben mit sich ziehen.
  • Beim Ausflug kann er nicht einfach ins Auto steigen und sich selber anschnallen. Er ist zum einen darauf angewiesen, dass ihn jemand ins Auto setzt und zum anderen müssen wir dafür sorgen, dass alles, was er benötigt mit an Board ist. Nimmt man bei einem gesunden 5jährigen maximal noch eine Sitzerhöhung und vielleicht noch eine Flasche Wasser mit, benötigt Julian neben dem speziellen Kindersitz auch Absauggeräte, Absaugkatheter, Notfallset mit neuen Kanülen, Spreizer und Ambubeutel – zusätzlich Windeln, Wechselsachen, Spritzen für Getränke, speziell püriertes Essen, usw.
  • Bei der Diskussion, wo es überhaupt hingeht, hat er kaum mitgemacht. Er kann uns vielleicht noch mitteilen, dass er irgendwas gut oder nicht gut findet. Aber wenn es ihm an einer Stelle im Wald zum Beispiel besonders gut gefallen hat, hat er keine Chance, uns das mitzuteilen. Ich möchte nicht wissen, wie oft er in seiner kleinen Welt gefangen ist und gefrustet ist, weil er sich nicht mitteilen kann.

Diese Liste könnte ich unendlich fortsetzen. Und dabei haben wir noch gar nicht über die ganzen Termine (Therapien, Kinderarzt, Fachärzte, Krankenhausaufenthalte, SPZ und weißGottwasnochalles), die Herausforderungen bei den Hilfsmitteln (Rolli, Rehabuggy, Therapiestuhl, Badeliege, Stehtrainer, usw…), den Aufwand mit der Wäsche und dem Essen für Julian, die Herausforderungen eines möglichen KITA-Besuchs (Genehmigung, Fahrdienst, Anpassung der Dienstzeiten des Pflegedienstes an die KITA, usw.). gesprochen. Wie gesagt, die Liste kann unendlich fortgesetzt werden.

Wir haben also festgestellt, dass Julian Hilfe benötigt, um gut leben zu können. Jetzt erweitern wir mal den Blickwinkel zum Personenkreis. Wir benötigen also zunächst in unserem Fall einen spezialisierten Pflegedienst mit gut ausgebildeten Pflegefachkräften, die sich darum kümmern, dass Julian im Idealfall erst gar nicht in eine lebensbedrohliche Situation kommt.

Und damit sind wir beim Punkt „politische Rahmenbedingungen dafür schaffen und mindestens die, die es bereits gibt, einhalten“. Um das mal etwas konkreter zu fassen, würde ich für die Rahmenbedingungen mal ins Gesetz schauen. Da steht ja eine Menge schlaues Zeug drin. Also § 37 SGB V ist da auch sehr eindeutig: „Versicherte erhalten in ihrem Haushalt, ihrer Familie oder sonst an einem geeigneten Ort, […]  neben der ärztlichen Behandlung häusliche Krankenpflege durch geeignete Pflegekräfte, wenn Krankenhausbehandlung geboten, aber nicht ausführbar ist, oder wenn sie durch die häusliche Krankenpflege vermieden oder verkürzt wird.“

Im Grunde steht da drin, dass Julian nicht im Krankenhaus sondern zu Hause bei seiner Familie mit der Unterstützung von Pflegefachkräften leben soll. Irgendwie auch logisch.

Um Julian rund um die Uhr betreuen zu können, benötigt man rechnerisch 5,5 Pflegekräfte…. Und wie wir alle wissen, ist der Pflegemarkt leer gefegt und um die paar Pflegekräfte, die gerade keinen Job haben, rangeln sich Krankenhäuser, Altenheime, ambulante Dienste und noch eine Menge mehr Institutionen. Aktuell ist es wirklich, wirklich schwierig. Das funktioniert aktuell also schon mal nicht und ich denke, es ist nicht sehr anmassend von uns, von der Politik zu fordern, dass mehr Pflegekräfte benötigt werden, um den Julians in Deutschland überhaupt das Leben zu ermöglichen. Um die weitere Planung der Pflegefachkräfte kümmern wir uns dann gerne in unserem Pflegedienst.

Nun steht oben im Artikel ein klitzekleiner Zusatz „für uns alle“. Wie sieht ein gutes Leben für uns alle aus? „Alle“ heißt in diesem konkreten Fall die direkte Familie – also Julians Papa (mein Mann), Julians großer Bruder Bjarne (mein Sohn) und für mich selber. Oben gibt es ja schon eine lange Liste, wie ein gutes Leben für Julian aussehen kann. Also stellen sich folgende Fragen:

  • Wer macht sich auf die Suche nach einem passenden Spielzeug?
  • Wer macht die Wäsche? (und ja, es ist wesentlich mehr als ein normales Kind – wir haben ja den direkten Vergleich)
  • Wer kocht das Essen? (ok – wir haben uns gegen Sondenkost entschieden. Daher vielleicht etwas selbstgewählt. Aber mal ehrlich – hast du schonmal an Sondenkost gerochen??? Puh!!!)
  • Wer kümmert sich um die Vielzahl der Termine?
  • Wer lässt alles stehen und liegen, weil Julian kurzfristig ins Krankenhaus muss oder der Pflegedienst ausfällt?
  • Wer sucht immer wieder nach Möglichkeiten die beiden Kinder zusammen zu bringen und Spiele zu finden, die möglichst beiden Spaß machen, damit sie auch einfach Geschwister sein können.
  • Wer fährt zu Therapien / organisiert Therapien, Hilfsmittel, Fahrtmöglichkeiten usw.
  • ….. (Liste lässt sich beliebig fortsetzen)

Das alles ist einfach eine unglaubliche Masse, die auf uns als Eltern hängen bleibt. Wir sind in der glücklichen Lage einen Teil der Tätigkeiten auszulagern (dank Haushaltshilfen und unseren Familien wiederum). Aber auch dann bleibt noch so viel mehr übrig, was bei einem gesund entwickelten Kind einfach nicht anfällt. Und wie gesagt, wir haben den Vergleich! Natürlich hat Bjarne auch seine Herausforderungen, benötigt Unterstützung in der Schule und hat seine Sportarten, zu denen er gefahren wird usw. Selbst wenn man das alles abzieht, bleibt unendlich viel an Dingen zu entscheiden/ machen/ organisieren. Im Grunde ist das ein Vollzeitjob. Und wir sind froh, dass mein Mann einen Arbeitgeber hat, der das mit trägt, und ich komplett in die Selbstständigkeit gegangen bin, so dass ich eh flexibel reagieren kann. Damit können wir alles möglich abfangen.

Aber genau da liegt das Problem „Gutes Leben für Alle“. Ich hatte nie geplant, Geschäftsführerin eines Pflegedienstes zu werden, mit Ärzten zu diskutieren, dass mein Kind möglicherweise nur 2 Jahre alt wird oder Bjarne zu erklären, dass er niemals mit seinem Bruder Lego spielen wird. Und der ursprüngliche Plan war 2014 mit beiden Kindern nach Neuseeland zu fliegen – das weiteste, was wir geschafft haben, war Dänemark…  Natürlich ist das Leben eh nicht planbar. Jedoch wäre es wesentlich leichter, wenn mal mindestens die politische Rahmenbedingungen eingehalten werden würden.

Und jetzt haben wir noch wirklich günstige Bedingungen. Wir persönlich haben finanziell und organisatorisch die Möglichkeiten, uns die nötigen Freiräume zu schaffen und dafür sind wir unendlich dankbar.

Doch auch wir kommen mehr als ein Mal pro Woche an unsere Grenzen. Sei es bei uns zu Hause oder sei es im Pflegedienst. Es möchte sich niemand ausmalen, was es bedeutet bei einer Familie, die in der gleichen Situation ist, anzurufen und mitzuteilen, dass sie zukünftig keine Unterstützung mehr von uns erhalten, weil wir nicht mehr genügend Pflegefachkräfte haben. Die Eltern werden damit ab sofort auch dafür verantwortlich sein, dass ihr Kind überhaupt den Tag überlebt…

Ehrlich. Das zerbricht einem das Herz!

Jetzt kann man natürlich noch die ethische Diskussion führen. Ich möchte nochmal zurück auf den Artikel von oben. „Warum Schwangere sich gegen behinderte Kinder entscheiden“ heißt es so schön reißerisch im Titel. Viele würden vermutlich sagen, dass es doch Mord ist, wenn ich ein behindertes Kind abtreibe (sehe ich persönlich übrigens auch so). Doch, was ist die Konsequenz?? Die allermeisten Familien stehen mit den Problemen, die der Alltag mit einem behinderten Kind, mit sich bringt, schlichtweg alleine dar. Am Ende geht die Krankenhaustür auf und man nimmt sein behindertes Kind mit nach Hause und ab da ist es das Problem der Eltern, was man daraus macht.

Ich muss aus meiner Erfahrung ganz ehrlich sagen. Ich kann verstehen, dass man sich gegen ein behindertes Kind entscheidet. Wenn mir vor 6 Jahren jemand die Zukunft gezeigt hätte, ich bin mir nicht sicher, wie ich bzw. wir entschieden hätten.

Ja – Julian ist wirklich süß und er kann einen sehr um den Finger wickeln und auch das Herz geht dir auf, wenn er dich mit einem Auge anschaut und du das Gefühl hast, er guckt direkt in deine Seele und natürlich platzen wir vor Stolz, wenn er etwas geschafft hat, was niemand je für möglich gehalten hat.

Doch leider, leider überwiegen die Anstrengung und die Herausforderungen.

Somit sind wir wieder beim Artikel. Familien mit behinderten Kindern brauchen viel, viel, viel mehr Unterstützung, wenn die Entscheidung FÜR das Kind gefällt wurde. Und da reichen auch keine allgemeinen Gesetze. Es ist bei jeder Familie eine Einzelfallentscheidung, was genau in diesem Fall möglich und sinnvoll ist. Und da reicht es nicht, nur auf das behinderte Kind zu schauen. Die ganze Familie muss als System betrachtet werden, um zu schauen, was auch die Eltern, Geschwisterkinder aber auch die Großeltern, Onkel, Tanten, usw. benötigen.

Und dann erst fangen wir an, darüber zu sprechen, was echte Inklusion bedeutet und welche Aufgabe die Gesellschaft hat. Es ist noch ein echter langer Weg und wir versuchen unser möglichstes dabei mitzuwirken, um endlich in einer Gesellschaft anzukommen, in der wir gerne leben.

 

 

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