Firlefanz und Gewohnheitstiere

Da sitzen wir nun seit fast 10 Wochen mit Home-Office, Home-Schooling und Home-Kindergarding zu Hause und wissen manchmal nicht, wo uns der Kopf steht, weil wir versuchen alles unter einen Hut zu bekommen. Wir haben mit Plänen gearbeitet, um für alle fest definierte Arbeits- und Pausenzeiten hinzubekommen. Wir haben die Räume aufgeteilt und aus einem Teil des Schlafzimmers ein weitere Büro gezaubert. Wir haben uns eingegrooft und jede Mahlzeit zusammen eingenommen. Die Kinder haben um 11.30 Uhr die Sendung mit der Maus geguckt und noch viele, viele neue Rituale sind dazu gekommen. Ich war oft genervt, weil ich im 10-Minuten-Takt durch irgendwen gestört wurde oder weil es einfach so laut im Haus war.

Und heute? Heute ist Julian das erste Mal wieder im Kindergarten. Er wurde um 7.30 Uhr vom Fahrdienst abgeholt – so wie früher. Und ist im Kindergarten – so wie früher.

Und wir? Laufen ein bisschen wie Falschgeld durchs Haus. Kein Julian, der unten im Wohnzimmer mit den Füßen auf seinem Rolli trappelt, weil er die Maus gucken möchte. Kein Julian, der im Stehtrainer mit seinem Laptop spielt. Kein Julian, der uns über die Füße fährt, weil er die Pflegekraft „fragen“ möchte, ob sie einen Kaffee möchte. Kein juilanspezifisches Fauchen, weil wir irgendwas machen, was er nicht möchte… Selbst unsere Haushaltsfee vermisst ihn. Als sie heute morgen reinkam, wollte sie als erstes Julian begrüßen. Die Enttäuschung, dass er nicht da ist, stand ihr im Gesicht geschrieben.

Es ist so verrückt und gleichzeitig so faszinierend, wie sehr wir Menschen doch Gewohnheitstiere sind. Im Allgemeinen benötigt man 3 Wochen bis 30 Tage, damit aus einer neuen Aktivität eine Gewohnheit wird. Da sind wird schon lange drüber hinweg. Und so ist es auch. Natürlich freuen wir uns auch darüber, dass Julian endlich wieder mehr Action im Kindergarten hat. Und wir sind auch froh, dass wir ab sofort donnerstags und freitags wieder mehr Ruhe im Haus haben. Doch es ist erst wieder eine Umstellung und fühlt sich heute erstmal richtig merkwürdig an.

Und so wird es in der nächsten Zeit wohl weiter gehen. Am Montag geht unser großer Sohn wieder zur Schule. Und es dauert sicherlich nicht mehr lange, bis auch mein Mann aus dem Home-Office tageweise zurück in die reale Arbeitswelt geht. So gehen die lieb gewonnenen Rituale wie das gemeinsame Kaffeetrinken um 9.30 Uhr flöten. Es ist echt spannend, das zu beobachten.

Wie sieht es bei euch aus? Welche Gewohnheiten habt ihr in den letzten 10 Wochen dazu gewonnen, die ihr dann vielleicht vermissen werdet?

Wir haben uns das nicht ausgesucht!

Ich weiß nicht, wie oft wir diesen Satz in den letzten 6,5 Jahren gesagt oder gedacht habe. Nachdem Julian geboren war, wurde unsere Welt ziemlich auf den Kopf gestellt. Und wir haben oft gedacht, dass wir uns das so nicht ausgesucht haben.

Wir wollten nicht,

  • dass Julian die ersten Monate ums blanke Überleben kämpfen musste,
  • dass er mit 6 Wochen eine Tracheostoma bekommt,
  • dass wir insgesamt 5 Monate in Krankenhäusern verbringen und davon 2 Monate in Hamburg, was unser Familienleben komplett auseinander gerissen hat,
  • dass wir mit diversen Pflegediensten versucht haben, eine stabile Lösung für uns zu Hause zu finden.
  • dass wir mit Julian nur sehr eingeschränkt kommunizieren können.
  • dass wir seit dem immer darum herumtanzen, wie wir einen vernünftigen Urlaub hinbekommen, weil wir den Aufwand scheuen, den eine Flugreise mit Julian mit sich bringt.
  • dass unser Familienleben immer davon geprägt ist, dass wir selten zu viert alleine sind. Julian benötigt rund um die Uhr Betreuung.

Diese Liste könnte ich noch bis zur Unendlichkeit fortführen. In den letzten 6,5 Jahren haben wir uns von soooo soo vielen Dingen und Aktivitäten verabschiedet, die für die meisten Familien in diesem Land total selbstverständlich sind und über die ich mir vor der Geburt von Julian auch nie Gedanken gemacht habe. Zum Glück!

Und jetzt Corona. Auch jetzt möchte ich nicht,

  • dass die Schulen und Kindergarten geschlossen sind und den Kindern zu Hause die Decke auf den Kopf fällt,
  • dass uns jeden Tag neue negative Botschaften aus aller Welt ereilen,
  • dass wir unser ganzes Leben umstrukturiert haben,
  • dass meine Phantasialand-Clubkarte nun in der Ecke liegt und es völlig unklar ist, wann sie wieder zum Einsatz kommt und ich gemeinsam mit meinem Bruder dort schöne Stunden verbringe.
  • dass wir einfach nicht wissen, wann welche Lockerungen sinnvoll und nötig sind, um die Welt nicht ins völlige Chaos (finanziell, gesundheitlich, seelisch,…) zu bringen,
  • dass wir uns wichtige Menschen außerhalb der engsten Familie nicht mehr herzen und umarmen können.

Auch diese Liste kann jeder nach Belieben fortführen.

Und dennoch ist die Realität aktuell so.

  • Da hilft es aus meiner Sicht sehr wenig, zu schimpfen – egal wie und wo: mit sich selber, dem Partner, der facebook-Community, auf die Regierung, Herrn Drosten, Herrn Spahn, oder sonstwen.
  • Es führt auch nicht weiter, jeden Tag neue Verschwörungstheorien hervorzubringen und den großen, geheimen Plan aufzudecken. Ich glaube, es gibt ihn nicht! Bei Julian haben wir auch keinen gefunden – auch nach 6,5 Jahren nicht.
  • In Angst zu verharren.
  • Sich ständig selber zu bemitleiden.
  • Einen Schuldigen zu suchen. Ich glaube nicht daran, dass es den einen Schuldigen gibt. Bill Gates oder die WHO oder ein Labormitarbeiter in Wuhan oder oder oder? Ich denke, es ist eine Verkettung von so vielen Aktionen auf dieser Welt, die dazu geführt haben, dass die Situation nun so ist, wie sie ist.
  • Alles schwärzer zu malen, als es tatsächlich ist.
  • Alle anzuprangern, was sie falsch, zu spät, zu früh, zu irgendwas gemacht haben.
  • Und wer weiß es schon? Vielleicht haben wir es uns mit unserer „modernen“ Lebensweise es doch „ausgesucht“, dass es nun zu dieser Situation gekommen ist. Aber auch das ist müssig, darüber nachzudenken.

Was aus meiner Sicht weiterbringt:

  • Selbstverantwortung für sein Leben und seine Familie zu übernehmen.
  • Aktiv zu werden und sich für andere einzusetzen, denen es aktuell noch schlechter geht.
  • Sich neue Ziele zu setzen.
  • Kreativ zu werden – in der Familie, im Job, in der Freizeit.
  • Den Tag zu strukturieren und sich morgens vornehmen, diesen heutigen Tag gut zu meistern.
  • Sich selber jeden Tag etwas Gutes tun und stolz darauf sein, wie gut man die letzten Wochen schon geschafft hat.
  • Jeden Tag die positiven Dinge entdecken.
  • Seine Ängste bearbeiten. Was steckt da wirklich hinter? Wovor hast du Angst? Was ist der worstcase, der dich aktuell vielleicht lähmt? Mach es dir bewusst und arbeite daran!

Führe diese Liste gerne weiter. Was hilft dir in dieser Zeit?

 

Der Umgang mit Katastrophen

Jeder, der unsere Geschichte ein bisschen verfolgt, weiß sicherlich, dass wir mit unserem Sohn Julian einen sehr unglücklichen Start in sein Leben hatte. Julian ist im Oktober 2013 unerwartet 10 Wochen zu früh zur Welt gekommen. Wir waren damals wegen einer Hochzeit in Hamburg und sind so in der Altonaer Kinderklinik gestrandet. Die Schwangerschaft mit Julian war unauffällig und somit hat uns die nachfolgende Zeit absolut überrannt. Julians Frühgeburt war gar nicht das Hauptproblem, sondern eine ungeklärte Erkrankung von ihm, die Ende November 2013 in der Aussage endete, dass Julian maximal 2 Jahre alt wird. Glücklicherweise hat es sich nicht bestätigt und Julian ist mittlerweile 6,5 Jahre und wuselt sich weiter durchs Leben.

Vergessen ist diese Anfangszeit allerdings nicht und in den Wochen der Unsicherheit damals sind wir mehr als einmal an unsere Grenzen gekommen. Nun erkennen wir einige Parallelen zur Situation mit den Einschränkungen bzgl. des Coranavirus:

  • Es brach plötzlich eine unvorhersehbare Situation auf uns ein, bei der nicht klar war, wie, ob und wann sie endet.
  • Sämtliche Pläne, Träume, Wünsche und Vorstellungen, die wir von der nächsten Zeit hatten, lösten sich plötzlich ins Nichts auf.
  • Jeden Tag kamen neu Hiobsbotschaften dazu und wir haben uns gefragt, wie viele davon wir noch verkraften können. Bei jeder neuen Meldung gab es neue Facetten, die wieder eine Veränderung zur Folge hatte.
  • Selbst die besten Spezialisten konnten keine treffenden Vorhersagen machen, wie es weitergeht.

Mittlerweile hat sich vieles bei uns eingespielt und es ist längst nicht so schlimm eingetreten wie befürchtet. Im Gegenteil, es sind z.B. mit der Gründung unseres Pflegedienstes Team DAVID neue positive Aspekte mit rein gekommen.

Insgesamt erleben wir die aktuelle Situation wegen des Coronavirus als wesentlich weniger bedrohlich als die Zeit damals. Dennoch weist sie tatsächlich Parallelen auf, so dass wir uns überlegt haben, was uns damals geholfen hat und was nun auch hilft. Hier also unsere Tipps – ergänzt um ein paar Anregungen speziell für die Corona-Situation:

  • Versuche im aktuellen Moment zu leben. Draußen scheint die Sonne und der Frühling erwacht in einer unglaublich schönen Weise. Nimm das an und genieße z.B. die frische, klare Luft.
  • Lebe von Tag zu Tag. Überlege genau, was heute wichtig ist. Kümmere dich nicht darum, was morgen evtl. sein könnte. Das sind alles ungelegte Eier und vermutlich kommt es eh wieder ganz anders als du es dir heute ausmalst. Bleibe bei diesem heutigen Tag und gestalte ihn so, wie er für dich angenehm ist.
  • Nutze die evtl. freigewordene Zeit, die liegen gebliebenen Aufgaben zu Hause zu erledigen – dein Schrank oder Keller freut sich bestimmt. Lies Bücher, die du schon immer mal lesen wolltest. Pack Spiele und Handarbeiten aus, die seit Jahren in der Ecke liegen. Nutze die Online-Angebote, die jetzt überall aus dem Boden sprießen.
  • Lies und höre und gucke auf jeden Fall nur seriöse Informationen. Kümmere dich nicht um irgendwelche Fake-News. Das führt zu gar nichts und macht dich nur unruhiger.
  • Aber: Mach auch genügend Pausen. Lies nicht ständig alle Nachrichten, Pressekonferenzen und Podcasts, die es zu dem Thema gibt. Sonder lege alles immer mal wieder bewusst an die Seite und genieße den Moment.
  • Erstelle dir einen Tagesplan, um den Tag für dich und deine Familie gut zu strukturieren. Plant für jeden die Ruhephasen ein, die er benötigt, damit ihr keinen Lagerkoller bekommt. Plant Zeiten draußen und mit Sport ein.
  • Haltet euch an den Plan! 🙂
  • Halte dir vor Augen, dass es sich wieder verändern wird. Auch wenn wir uns aktuell nicht vorstellen können, wie es nach dieser Krise weitergeht. Eins ist sicher: Es geht weiter. Immer wieder. Jeden Tag geht die Sonne wieder auf und es beginnt ein neuer Tag.

In diesem Sinne wünsche ich euch einen schönen Tag!

 

 

Beatmungsgerät

Wenn ich abends an der Zimmertür meines Sohns vorbeikomme, höre ich das leise regelmäßige Fauchen seines Beatmungsgerät. Für mich ist das mittlerweile ein sehr beruhigendes Geräusch. Dann weiß ich, dass er ruhig und tief schläft und die Beatmung zulässt. Für ihn ist das Gerät lebenswichtig, da er nur durch diese Ruhephasen in der Nacht, tagsüber so aktiv sein kann, wie er ist: Rollifahren; bis gestern in den Kindergarten gehen; Keyboard spielen; mir über den Fuß fahren, wenn ich ihm keine Bilder auf dem Handy zeige; immer wieder versuchen, die Figuren auf die Toniebox zu stellen; seinen Bruder anfauchen, weil der den Fernseher nicht schnell genug anmacht usw.

Dass das Geräusch nun so beruhigend für uns ist, war früher natürlich nicht. Als Julian geboren wurde – im Oktober 2013 – konnte er quasi gar nichts. Er kam 10 Wochen zu früh auf die Welt und hatte diverse Probleme. Er wurde von Beginn an beatmet und im Alter von 7 Wochen bekam er sein Tracheostoma – ein Schnitt in die Luftröhre, in die eine Kanüle gelegt wurde. Über diese Kanüle wurde er damals 24 Stunden lang voll beatmet. Das Geräusch des Krankenhaus-Beatmungsgerät war nicht so beruhigend. Ehrlich gesagt, mochte ich es nicht besonders, weil es mir gezeigt hat, dass mein Sohn die vermeintlich einfachste Sache des Lebens nicht konnte: Atmen.

Sobald das Beatmungsgerät abgemacht wurde oder sich Sekret im Hals gebildet hat, gingen schlagartig seine Herztöne und Sauerstoffsättigung herunter. Das hatte diverse Piepgeräusche vom Monitor zur Folge. Und ich erinnere mich auch noch zu gut an das hektische Getrappel der Füße sowie die knappen Rufe „Notfall in 1“ der Pfleger und Ärzte auf der Station.

Noch heute kenne ich jedes Geräusch von der Intensivstation. Mittlerweile schocken sie mich nicht mehr. Wir haben insgesamt 5 Monate auf zwei verschiedenen Intensivstationen verbracht und auch danach waren wir diverse Male da.

Was ich aber noch sehr genau weiß, ist das Gefühl, wenn man vor der Intensivstation steht. Dort standen wir viele, viele Male. Du klingelst, du wirst rein gelassen und du versuchst direkt anhand der Gesichter der Pfleger und/oder Ärzte herauszufinden, wie es deinem Kind kennt. Leider hatten wir – gerade zur Anfangszeit – sehr, sehr oft, besorgte Blicke der Pfleger/Ärzte und auch einige Male fast hilflose Blicke, weil niemand wusste, ob und wie es mit Julian weitergehen kann. Und die vielen Situationen, bei denen Julian echt kurz davor war, es nicht zu schaffen, können wir kaum noch aufzählen. Gerade die ersten Wochen waren eine absolute Achterbahnfahrt.

Ganz ehrlich – ich wünsche diese Erfahrung wirklich niemanden! Ein Beatmungspatient auf einer Intensivstation ist kein Spaß. Ja, wir haben viele Möglichkeiten in unserem Gesundheitssystem und wir haben wirklich viele wundervolle Menschen, die einen grandiosen Job machen und tagtäglich das Leben von Menschen retten. Aber wenn wir nur einen einzigen Menschen davor bewahren können, diese Erfahrung zu machen, dann sollten wir das tun!

Also: Bleibt möglichst zu Hause, wascht euch die Hände und kümmert euch um die, die eure Hilfe brauchen.

Julian im Fernsehen

Wow! Das war wieder eine spannende Woche. Letzten Freitag habe ich einen Beitrag zum Corona-Virus verfasst Julian und Corona – ein Aufruf und diesen auch bei Facebook veröffentlicht. Ich habe mich sehr gefreut, dass der Beitrag so gut angenommen wurde und zum aktuellen Zeitpunkt über 500 Mal geteilt wurde! Wahnsinn!!

Durch den Beitrag wurde eine Journalistin von SAT1.NRW auf uns aufmerksam. Sie schrieb uns am Wochenende an und fragte an, ob wir bereit wären bei einem Fernsehbeitrag mitzuwirken. Da wird im letzten Jahr schon ein paar Mal im Fernsehen waren, haben wir eingewilligt. Es klappte dann auch sehr spontan und wir verabredeten uns bereits für Montag. Wir sind erst ins Büro und haben dort unser Regal mit den Desinfektionsmitteln gefilmt.

Glücklicherweise haben wir aktuell noch genügend Desinfektionsmittel. Allerdings haben wir festgestellt, dass unser Lieferant die Preise stark erhöht hat!! Da haben wir echt nicht schlecht gestaunt. Eine 500-ml-Flasche Desinfektion kostete bis vor 2 Wochen um die 3 € – nun geht sie für 28 € über den Tisch.  Glücklicherweise haben wir sie noch für den alten Preis bekommen. Der Paketbote, der das Paket brachte, wusste vermutlich nicht, welche kostbare Fracht er dort mit gebracht hat. Früher hatte man Sorge, dass das iPhone-Paket geklaut wurde – heute ist es Desinfektionsmittel. Es ist echt verrückt.  Mittlerweile weist unser Lieferant sogar auf seiner Webseite auch daraufhin, dass es nicht sinnvoll ist, Unmengen an Desinfektion zu kaufen.

Was uns allerdings tatsächlich bald ausgeht, ist der Mundschutz. Und da sind wir nicht die einzigen – auch die Krankenhäuser vermelden geringere Bestände und Nachschubprobleme. Der Mundschutz schützt ja nicht die Pflegefachkraft, die ihn trägt vor dem Virus, sondern den Patienten – in diesem Fall Julian -, dass er nicht angesteckt wird. Übrigens egal mit welchem Keim. Wir vermeiden ja auch, dass Julian eine Erkältung oder die normale Grippe oder ähnliches bekommt.

Den Großteil der Dreharbeiten fanden bei uns zu Hause statt. Die Journalistin hat erst Philipp und mich interviewt. Nach unserer Erfahrung im letzten Jahr wussten wir ja schon, dass wir beim Antworten nicht in die Kamera schauen sondern die Journalistin anschauen. Es ist dennoch immer wieder sehr ungewohnt, den Sachverhalt vernünftig darzustellen.

Als Julian um kurz vor 16 Uhr aus der KITA zurückkam, gab es noch Bilder und kleine Videos mit ihm zusammen. Und auch Steffi (unsere Pflegefachkraft) wurde noch mit Bild und Ton aufgenommen. Um etwa 16.15 Uhr war alles im Kasten. Die Journalistin musste sich nun ganz schön sputen, weil der Beitrag schon um 17.30 Uhr laufen sollte. Es hat aber ganz offensichtlich geklappt. Den Beitrag zum Nachschauen findet ihr hier: SAT1NRW

Es ist immer wieder spannend zu sehen, wie der endgültige Beitrag ist. Die Journalistin war ja fast 2 Stunden da, hatte so ungefähr 20 Minuten Videomaterial und am Ende kommt ein 2-Minuten-Beitrag dabei heraus. Wir sind insgesamt aber sehr zufrieden mit dem Beitrag und hoffen, dass er ein bisschen zur Aufklärung zu diesem Thema beiträgt.

Wir haben mittlerweile schon einige Angebote wegen Desinfektionsmittel erhalten. Das ist wirklich superlieb. Aktuell haben wir aber noch genug! Wir würden uns melden, wenn es bei uns oder bei den von uns betreuten Kindern leer wird. Wir warten erstmal ab, wie es sich entwickelt.

Julian selber hat sich den Beitrag gestern schon drei Mal angeschaut. Wir hatten den Eindruck, dass er es echt toll findet, sich selber im Fernsehen zu sehen. Und unser großer Sohn Bjarne ist natürlich eh sehr stolz, dass wir wieder im Fernsehen waren. Dieses Mal war er nicht mit im Bild. Bei einem Beitrag im letzten Jahr hat er auch selber etwas gesagt.

Falls euch die Beiträge aus dem letzten Jahr interessieren, könnt ihr hier mal schauen:

http://bit.ly/TD-WDR

http://bit.ly/TD-MoMa

http://bit.ly/TD-SAT1

http://bit.ly/TD-FAKT

 

Julian und Corona – ein Aufruf

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Das bin ich (Kathrin) mit meinem Sohn Julian.

Julian hat aufgrund seiner Muskelkrankheit ein Tracheostoma. Das ist quasi ein Loch in der Luftröhre, in dem eine Kanüle steckt. Über diese Kanüle atmet er, wird zeitweise mit einer Maschine beatmet und es wird mehrmals täglich Sekret abgesaugt. Durch das Loch hat er also einen direkten Zugang zu seiner Lunge. Im Normalfall ist der Zugang mit einem Filter geschützt. Das ist das weiße Teil, das man auf dem Foto am Hals sieht. Man nennt es auch „feuchte Nase“ und es übernimmt die Filterfunktion, die sonst die Nase übernimmt. Alles schick. Normalerweise…

Nun ist es aber so, dass der Filter ab und an herunterfällt (manche halten einfach nicht… 😏), er sich das Teil herunterzieht (Julian ist halt ein Kind 😅) oder von unseren Pflegefachkräften 👩‍⚕️👨‍⚕️ abgenommen wird, um Sekret abzusaugen oder um zu inhalieren. Dieses Absaugen ist überlebenswichtig für ihn. Sitzt die Kanüle zu, kann er nicht atmen und was dann passiert, könnt ihr euch denken. Falls nicht, haltet einfach mal mehrere Minuten die Luft an….

Sobald der Filter abgenommen ist, besteht also wirklich ein ungeschützter Zugriff auf seine Atemwege. Sämtliche Keime – Bakterien, Viren – können dann ungehindert in seine Lunge kommen. Daher ist es WIRKLICH IMMENS WICHTIG, dass dieser Vorgang steril abläuft. Dazu benötigt man – oh Überraschung – Desinfektionsmittel und sterile Handschuhe sowie ggf. Mundschutz 😷, damit unsere Pflegefachkräfte nicht versehentlich Keime an Julian abgeben. Ein einfaches Händewaschen reicht hier nicht aus!! Irgendwie auch logisch oder?

Nach Rücksprache mit unserem Kinderarzt können wir im Moment nicht abschätzen, welche Auswirkung das Corona-Virus auf Julian hat. Einerseits scheinen Kinder eher weniger anfällig zu sein. Andererseits ist Julian aufgrund seiner sonstigen Erkrankungen immunschwächer und durch das Tracheostoma einfach wesentlich gefährdeter. Schon eine normale Erkältung haut ihn um und er reagiert mit Fieber 🤒 und Sauerstoffbedarf.

Also Leute. Lasst die Finger vom Desinfektionsmittel sowie Handschuhe / Mundschutz. Für Kinder wie Julian und viele andere Patienten ist das ÜBERLEBENSWICHTIG. Es reicht, wenn ihr euch normal und vernünftig lange die Hände wascht. Das finde ich übrigens auch ohne Corona schon appetitlicher…

Und dann: Beruhigt euch mal wieder. Julian geht auch weiterhin in den Kindergarten und nimmt am Leben teil. Auch ihn können wir nicht wegsperren. Nur Massenveranstaltungen vermeiden wir tatsächlich und wir desinfizieren uns auch eher mal die Hände. Aber ansonsten machen wir alles wie gehabt.

Eigentlich sind wir diejenigen, die Panik schieben könnten. Tun wir aber nicht. Aus Erfahrung wissen wir nämlich: Es führt zu nichts! Man regt sich über ungelegte Eier auf. Das lohnt sich nie!!

Also einfach mal wieder locker bleiben. Keine Panikkäufe, kein Desinfektionsmittel, nix. Dafür lieber mit Sport, viel frischer Luft und gesunder Ernährung sein Immunsystem auf Vordermann bringen, damit ihr selber gesund bleibt.
Das hat noch einen schönen Nebeneffekt: Je mehr Menschen gesund bleiben, desto geringer ist die Wahrscheinlickeit, dass Kinder/Menschen wie Julian sich anstecken können. ✌️
Vielen Dank! 🙏

Der Beitrag darf gerne geteilt werden.

Julians „Erwachen“

Das ist vielleicht eine etwas seltsam anmutende Überschrift – dennoch scheint genau das gerade Julians Gemütszustand zu beschreiben.

Julian ist nun 5,5 Jahre alt und er ist ja bereits sein Leben lang schwerstbehindert. Schnell ist man bei „Er kennt es ja nicht anders“. Dennoch haben wir aktuell das Gefühl, dass er so langsam versteht, dass er tatsächlich ziemlich anders als andere Kinder ist.

In den letzten Wochen war er oft sehr still und wusste nicht so richtig was mit sich anzufangen. Er fuhr mit dem Rolli etwas lustlos im Wohnzimmer herum und stand auch oft vor der Treppe nach oben. Er weiß ja, dass sein großer Bruder Bjarne sein Zimmer oben hat und wir jeden Tag viele Mal die Treppe rauf und runter laufen.

Gestern waren wir mit Bjarnes Basketballfreunden zum Essen verabredet. Julian war auch dabei. Ohne erkennbaren Grund fing er an zu spucken und dann rollten auch die Tränen. Das war richtig traurig.

Wir vermuten, dass ihm bei den vielen spielenden Kindern dort mal wieder klar geworden ist, dass er das nicht so kann und stattdessen im Rehabuggy sitzt. Wir vermuten das allerdings nur – Fragen können wir ihn ja nicht. (Der HSV hat ja gestern auch verloren und als echter Hamburger Jung kann einem das natürlich auch in Paderborn traurig stimmen. ;-))

Es würde aber tatsächlich viel dazu passen, da er aktuell oft nicht weiß, wohin mit sich. Und da wir vermuten, dass er geistig eine Menge mitbekommt und er auch einiges versteht, klingt das nur logisch.

Wir werden ihn durch diese Zeit nun auch begleiten. Seine „Aufpasser“ sind diesbezüglich ja zum Glück sehr sensibel. Wir werden ihn erstmal viel in dem stärken, was er gut kann. Das ist beispielsweise Klavier spielen. Julian spielt wirklich mit einer unglaublichen Ausdauer auf dem Keyboard. Gestern war es wieder eine ganze Stunde lang. Witzigerweise klingt das ganze auch recht harmonisch und im Rhythmus. Er trifft zwar keine einzelnen Tasten, dennoch spielt er in einem gewissen Rhythmus (ich habe gezählt – es waren mal 8 und mal 6 Schläge bevor eine Pause oder ein anderer Ton kam). Und da loben und bestärken wir ihn sehr drin.

Außerdem wird er ab dem Sommer in eine KITA kommen, in der er noch mehr besondere Kinder treffen wird. Wir denken, dass es ihm sehr gut tun wird, wenn er regelmäßig sieht, dass es auch andere Kinder wie ihn gibt. Und dadurch, dass er aufgrund des Rollis mobil ist, kann er ja sogar mehr als manche andere Kinder. Wir sind gespannt, wie er auf die neue Situation reagieren wird.

In jedem Fall steht aktuell wieder ein neuer spannender Entwicklungsschritt bevor – und das wiederum ist bei jedem anderen Kind auch so – damit also doch wieder nicht so besonders. 🙂

 

Leben mit Behinderung – Gedanken dazu

Ich starte hiermit einen neuen Text über das Leben mit Behinderung.  Ich mache mir – logischerweise – viele Gedanken dazu, wie ein Leben mit Behinderung aussieht. Ich erlebe es ja durch Julian jeden Tag. Und in meinem Beitrag hier geht es um die Sichtweise auf schwerst körperlich behinderte Intensivkinder.

Ich habe heute diesen Artikel entdeckt: https://ze.tt/praenataldiagnostik-warum-schwangere-sich-gegen-behinderte-kinder-entscheiden/

Am Ende steht „Menschen mit Behinderung wird es immer geben […]. Wir sollten die Debatte führen, wie ein gutes Leben möglich sein kann – für uns alle. Und dann politische Rahmenbedingungen dafür schaffen und mindestens die, die es bereits gibt, einhalten“. Im Grund ist damit alles gesagt. Jeder der nichts oder wenig mit behinderten Menschen zu tun hat, wird wahrscheinlich sagen. „Stimmt – klingt gut. Sollten wir machen.“

Aber was genau heißt das eigentlich konkret? Was heißt „ein gutes Leben – für uns alle“?

Als erstes denkt man vermutlich erstmal an das „arme“ behinderte Kind. Das benötigt die größtmögliche Unterstützung. Das stimmt auch so. Julian war von Beginn an noch hilfloser als ein Baby ohnehin schon ist. Er war noch nicht mal in der Lage selber zu atmen und zu schlucken. Er konnte sich nicht durch schreien bemerkbar machen, dass er ein Problem hatte. Somit war auf noch mehr Hilfe angewiesen als ein Baby. Diese Hilfe bekam er auf den Intensivstationen in Hamburg und Paderborn. Und natürlich auch von uns Eltern. Seit Julian zu Hause ist, benötigt er rund um die Uhr Hilfe von Pflegefachkräften. Mittlerweile hat er zwar gelernt sich mit Klopf- und sonstigen Bewegungen auf sich aufmerksam zu machen, im Rolli kann er sich selbstständig fortbewegen und auch die Atmung ist mittlerweile meistens selbstständig möglich. Trotzdem benötigt er weiterhin viel Hilfe. Wenn er zu viel Sekret in der Lunge/ Kanüle entwickelt, muss er abgesaugt werden. Wenn er sein Essen ausspuckt, muss er abgesagt werden, damit er nicht daran erstickt. Er kann nach wie vor nicht schlucken, so dass er sein Essen und Trinken sondiert bekommt. Ohne Hilfe würde er vermutlich keinen ganzen Tag überleben. Und diese Hilfe ist permanent erforderlich. Der Notfall (Sekret oder Nahrung setzt die Kanüle zu) kann schließlich in jeder Sekunde passieren – Tag und Nacht.

Es ist also unumstritten, dass Julian Hilfe benötigt, um überhaupt leben zu können.

Nun steht im Artikel ja „gutes Leben“. Darüber lässt sich natürlich vortrefflich streiten. Aber Julian möchte wie jeder 5jährige auch die Welt entdecken. Er möchte ganz sicher nicht, den ganzen Tag in einem Krankenhauszimmer verbringen und an die Decke starren. Damit würde er zwar überleben, aber schön bzw. gut wäre das ganz sicher nicht. Also versuchen wir alles zu ermöglichen, damit Julian ein vergleichsweise normalen Alltag hat – mit Spielen, Musik, Bewegung, Lernen, Ausflüge und allem, was dazu gehört. Nun haben alle diese Aspekte gemeinsam, das sie zunächst Aufwand bedeuten:

  • Beim Spielen ist es nun mal nicht so einfach Spiele zu finden, bei dem er mit seinen eingeschränkten Möglichkeiten auch Freude hat. Er kann keine Bauklötze stapeln und schon gar nicht Lego zusammensetzen. Also findet man Magnetspielzeuge, bei dem er mit geringem Aufwand auch etwas „bauen“ kann.
  • Bei der Musik kann er sich weder eine Figur auf die Toniebox stellen noch kann er sich den iPod selber starten. Er ist darauf angewiesen, dass ihm jemand die Musik oder das Hörspiel anmacht. Verbunden mit der Herausforderung, dass er nicht sagen kann, welches Hörspiel er jetzt gerne hören möchte. Also bleibt es ein Rätselraten.
  • Bei der Bewegung kann er nicht einfach vom Boden aufstehen und loslaufen. Er macht sich bemerkbar und robbt zur Tür – in der Hoffnung, dass ihn jemand versteht und ihn in den Rolli setzt. Das wiederum birgt die Herausforderung, dass er nicht seinen Bruder im 1. Stock besuchen kann, weil die Treppe ein unüberwindliches Hindernis ist. Selbst der Garten ist eine Hürde, da wir ihm eine kleine Rampe bauen müssen, um über die Schwelle zu kommen. Aktuell übt er so über die Schwelle zu kommen. Das wird sicherlich eines Tages klappen, aber es wird dauern und viel Üben mit sich ziehen.
  • Beim Ausflug kann er nicht einfach ins Auto steigen und sich selber anschnallen. Er ist zum einen darauf angewiesen, dass ihn jemand ins Auto setzt und zum anderen müssen wir dafür sorgen, dass alles, was er benötigt mit an Board ist. Nimmt man bei einem gesunden 5jährigen maximal noch eine Sitzerhöhung und vielleicht noch eine Flasche Wasser mit, benötigt Julian neben dem speziellen Kindersitz auch Absauggeräte, Absaugkatheter, Notfallset mit neuen Kanülen, Spreizer und Ambubeutel – zusätzlich Windeln, Wechselsachen, Spritzen für Getränke, speziell püriertes Essen, usw.
  • Bei der Diskussion, wo es überhaupt hingeht, hat er kaum mitgemacht. Er kann uns vielleicht noch mitteilen, dass er irgendwas gut oder nicht gut findet. Aber wenn es ihm an einer Stelle im Wald zum Beispiel besonders gut gefallen hat, hat er keine Chance, uns das mitzuteilen. Ich möchte nicht wissen, wie oft er in seiner kleinen Welt gefangen ist und gefrustet ist, weil er sich nicht mitteilen kann.

Diese Liste könnte ich unendlich fortsetzen. Und dabei haben wir noch gar nicht über die ganzen Termine (Therapien, Kinderarzt, Fachärzte, Krankenhausaufenthalte, SPZ und weißGottwasnochalles), die Herausforderungen bei den Hilfsmitteln (Rolli, Rehabuggy, Therapiestuhl, Badeliege, Stehtrainer, usw…), den Aufwand mit der Wäsche und dem Essen für Julian, die Herausforderungen eines möglichen KITA-Besuchs (Genehmigung, Fahrdienst, Anpassung der Dienstzeiten des Pflegedienstes an die KITA, usw.). gesprochen. Wie gesagt, die Liste kann unendlich fortgesetzt werden.

Wir haben also festgestellt, dass Julian Hilfe benötigt, um gut leben zu können. Jetzt erweitern wir mal den Blickwinkel zum Personenkreis. Wir benötigen also zunächst in unserem Fall einen spezialisierten Pflegedienst mit gut ausgebildeten Pflegefachkräften, die sich darum kümmern, dass Julian im Idealfall erst gar nicht in eine lebensbedrohliche Situation kommt.

Und damit sind wir beim Punkt „politische Rahmenbedingungen dafür schaffen und mindestens die, die es bereits gibt, einhalten“. Um das mal etwas konkreter zu fassen, würde ich für die Rahmenbedingungen mal ins Gesetz schauen. Da steht ja eine Menge schlaues Zeug drin. Also § 37 SGB V ist da auch sehr eindeutig: „Versicherte erhalten in ihrem Haushalt, ihrer Familie oder sonst an einem geeigneten Ort, […]  neben der ärztlichen Behandlung häusliche Krankenpflege durch geeignete Pflegekräfte, wenn Krankenhausbehandlung geboten, aber nicht ausführbar ist, oder wenn sie durch die häusliche Krankenpflege vermieden oder verkürzt wird.“

Im Grunde steht da drin, dass Julian nicht im Krankenhaus sondern zu Hause bei seiner Familie mit der Unterstützung von Pflegefachkräften leben soll. Irgendwie auch logisch.

Um Julian rund um die Uhr betreuen zu können, benötigt man rechnerisch 5,5 Pflegekräfte…. Und wie wir alle wissen, ist der Pflegemarkt leer gefegt und um die paar Pflegekräfte, die gerade keinen Job haben, rangeln sich Krankenhäuser, Altenheime, ambulante Dienste und noch eine Menge mehr Institutionen. Aktuell ist es wirklich, wirklich schwierig. Das funktioniert aktuell also schon mal nicht und ich denke, es ist nicht sehr anmassend von uns, von der Politik zu fordern, dass mehr Pflegekräfte benötigt werden, um den Julians in Deutschland überhaupt das Leben zu ermöglichen. Um die weitere Planung der Pflegefachkräfte kümmern wir uns dann gerne in unserem Pflegedienst.

Nun steht oben im Artikel ein klitzekleiner Zusatz „für uns alle“. Wie sieht ein gutes Leben für uns alle aus? „Alle“ heißt in diesem konkreten Fall die direkte Familie – also Julians Papa (mein Mann), Julians großer Bruder Bjarne (mein Sohn) und für mich selber. Oben gibt es ja schon eine lange Liste, wie ein gutes Leben für Julian aussehen kann. Also stellen sich folgende Fragen:

  • Wer macht sich auf die Suche nach einem passenden Spielzeug?
  • Wer macht die Wäsche? (und ja, es ist wesentlich mehr als ein normales Kind – wir haben ja den direkten Vergleich)
  • Wer kocht das Essen? (ok – wir haben uns gegen Sondenkost entschieden. Daher vielleicht etwas selbstgewählt. Aber mal ehrlich – hast du schonmal an Sondenkost gerochen??? Puh!!!)
  • Wer kümmert sich um die Vielzahl der Termine?
  • Wer lässt alles stehen und liegen, weil Julian kurzfristig ins Krankenhaus muss oder der Pflegedienst ausfällt?
  • Wer sucht immer wieder nach Möglichkeiten die beiden Kinder zusammen zu bringen und Spiele zu finden, die möglichst beiden Spaß machen, damit sie auch einfach Geschwister sein können.
  • Wer fährt zu Therapien / organisiert Therapien, Hilfsmittel, Fahrtmöglichkeiten usw.
  • ….. (Liste lässt sich beliebig fortsetzen)

Das alles ist einfach eine unglaubliche Masse, die auf uns als Eltern hängen bleibt. Wir sind in der glücklichen Lage einen Teil der Tätigkeiten auszulagern (dank Haushaltshilfen und unseren Familien wiederum). Aber auch dann bleibt noch so viel mehr übrig, was bei einem gesund entwickelten Kind einfach nicht anfällt. Und wie gesagt, wir haben den Vergleich! Natürlich hat Bjarne auch seine Herausforderungen, benötigt Unterstützung in der Schule und hat seine Sportarten, zu denen er gefahren wird usw. Selbst wenn man das alles abzieht, bleibt unendlich viel an Dingen zu entscheiden/ machen/ organisieren. Im Grunde ist das ein Vollzeitjob. Und wir sind froh, dass mein Mann einen Arbeitgeber hat, der das mit trägt, und ich komplett in die Selbstständigkeit gegangen bin, so dass ich eh flexibel reagieren kann. Damit können wir alles möglich abfangen.

Aber genau da liegt das Problem „Gutes Leben für Alle“. Ich hatte nie geplant, Geschäftsführerin eines Pflegedienstes zu werden, mit Ärzten zu diskutieren, dass mein Kind möglicherweise nur 2 Jahre alt wird oder Bjarne zu erklären, dass er niemals mit seinem Bruder Lego spielen wird. Und der ursprüngliche Plan war 2014 mit beiden Kindern nach Neuseeland zu fliegen – das weiteste, was wir geschafft haben, war Dänemark…  Natürlich ist das Leben eh nicht planbar. Jedoch wäre es wesentlich leichter, wenn mal mindestens die politische Rahmenbedingungen eingehalten werden würden.

Und jetzt haben wir noch wirklich günstige Bedingungen. Wir persönlich haben finanziell und organisatorisch die Möglichkeiten, uns die nötigen Freiräume zu schaffen und dafür sind wir unendlich dankbar.

Doch auch wir kommen mehr als ein Mal pro Woche an unsere Grenzen. Sei es bei uns zu Hause oder sei es im Pflegedienst. Es möchte sich niemand ausmalen, was es bedeutet bei einer Familie, die in der gleichen Situation ist, anzurufen und mitzuteilen, dass sie zukünftig keine Unterstützung mehr von uns erhalten, weil wir nicht mehr genügend Pflegefachkräfte haben. Die Eltern werden damit ab sofort auch dafür verantwortlich sein, dass ihr Kind überhaupt den Tag überlebt…

Ehrlich. Das zerbricht einem das Herz!

Jetzt kann man natürlich noch die ethische Diskussion führen. Ich möchte nochmal zurück auf den Artikel von oben. „Warum Schwangere sich gegen behinderte Kinder entscheiden“ heißt es so schön reißerisch im Titel. Viele würden vermutlich sagen, dass es doch Mord ist, wenn ich ein behindertes Kind abtreibe (sehe ich persönlich übrigens auch so). Doch, was ist die Konsequenz?? Die allermeisten Familien stehen mit den Problemen, die der Alltag mit einem behinderten Kind, mit sich bringt, schlichtweg alleine dar. Am Ende geht die Krankenhaustür auf und man nimmt sein behindertes Kind mit nach Hause und ab da ist es das Problem der Eltern, was man daraus macht.

Ich muss aus meiner Erfahrung ganz ehrlich sagen. Ich kann verstehen, dass man sich gegen ein behindertes Kind entscheidet. Wenn mir vor 6 Jahren jemand die Zukunft gezeigt hätte, ich bin mir nicht sicher, wie ich bzw. wir entschieden hätten.

Ja – Julian ist wirklich süß und er kann einen sehr um den Finger wickeln und auch das Herz geht dir auf, wenn er dich mit einem Auge anschaut und du das Gefühl hast, er guckt direkt in deine Seele und natürlich platzen wir vor Stolz, wenn er etwas geschafft hat, was niemand je für möglich gehalten hat.

Doch leider, leider überwiegen die Anstrengung und die Herausforderungen.

Somit sind wir wieder beim Artikel. Familien mit behinderten Kindern brauchen viel, viel, viel mehr Unterstützung, wenn die Entscheidung FÜR das Kind gefällt wurde. Und da reichen auch keine allgemeinen Gesetze. Es ist bei jeder Familie eine Einzelfallentscheidung, was genau in diesem Fall möglich und sinnvoll ist. Und da reicht es nicht, nur auf das behinderte Kind zu schauen. Die ganze Familie muss als System betrachtet werden, um zu schauen, was auch die Eltern, Geschwisterkinder aber auch die Großeltern, Onkel, Tanten, usw. benötigen.

Und dann erst fangen wir an, darüber zu sprechen, was echte Inklusion bedeutet und welche Aufgabe die Gesellschaft hat. Es ist noch ein echter langer Weg und wir versuchen unser möglichstes dabei mitzuwirken, um endlich in einer Gesellschaft anzukommen, in der wir gerne leben.

 

 

Schule, Kindergarten und Talker

Heute war ein großer Tag für Julian und eigentlich sogar für beide Kinder.

Als erstes haben wir den großen Bruder bei der weiterführenden Schule angemeldet. Im Sommer geht es für ihn aufs Goerdeler-Gymnasium in Paderborn.

Anschließend sind wir mit Julian zum St. Christophorus Kindergarten nach Sennelager gefahren. In diesen Kindergarten gehen Kinder mit und ohne Behinderungen. Wir hatten im vergangenen Jahr schon einmal überlegt, damit zu starten, aber letztendlich festgestellt, dass es noch zu früh. Julian ist sehr schnell angestrengt, wenn es zu laut und trubelig wird. So langsam merken wir aber, dass es besser wird und – eher noch – dass es ihm zu Hause zu langweilig wird. Also geht es auf zum nächsten großen Schritt.

Der Kindergarten hat uns sehr gut gefallen und alle, die dort waren, schwärmen davon. Die Kinder sind in gemischten Gruppen und auch schwerst mehrfach behinderte Kinder können dort aufgenommen werden – damit auch Julian. Es gibt Therapien von Physiotherapeuten, Ergotherapeuten und Logopäden und natürlich auch sämtliche Möglichkeiten eines Kindergartens inklusive eines Malraums, wo die Kinder sich auf großen Plakaten, die an der Wand hängen, austoben können.

Julian ist mit seinem Rolli durch den Trubel gefahren und man konnte ihm richtig ansehen, wie fasziniert er davon war. Wir können uns also sehr gut vorstellen, dass er sich dort wohlfühlen wird. Die Anmeldung haben wir schon ausgefüllt und jetzt heißt es Daumen drücken, dass alles glatt läuft und er dort ab Sommer hingehen kann. So hat er noch ein volles Jahr Kindergarten, bevor es für ihn nächstes Jahr dann ebenfalls in die Schule geht. Für den Kindergarten gibt es auch einen Fahrdienst, so dass Julian direkt von zu Hause abgeholt und nachmittags wiedergebracht wird. Das klingt insgesamt alles sehr gut und so hoffen wir sehr, dass es klappt.

Damit waren die Spannungen des Tages aber noch nicht beendet: Mittags kam die Beraterin von RehaVista. Wir haben eine Genehmigung für einen Talker erhalten. Mit Hilfe des Gerätes kann Julian kommunizieren lernen. Aktuell kommuniziert er ja nonverbal durch diverse Körperbewegungen – die sind – gerade bei komplexeren – Themen nicht immer eindeutig, so dass das Kommunikationsdefizit immer mehr zu einer Herausforderung wird. Teilweise äußert er seinen Unmut und wir wissen einfach nicht, was er uns mitteilen möchten. Dadurch ist er natürlich frustriert und wir auch. Es zerrt tatsächlich sehr an den Nerven.

 

Somit erhoffen wir uns natürlich eine Menge von seinem Talker. Wir haben ihn zunächst ganz einfach eingestellt: es gibt genau vier Tasten – mit einer kann er Hallo sagen und mit den anderen drei kann er mitteilen, was er möchte. Gesteuert wird das ganze über die roten und blauen Buttons. Mit dem roten wählt er eins der Bilder aus und mit der blauen kann er die Sprache auslösen, so dass eine Kinderstimme z.B.  sagt „Hallo. Wie geht es dir?“. Damit werden wir nun fleißig üben. Im ersten Schritt geht es erstmal nur darum, dass wir darauf reagieren – also bei der Frage oben antworten, wie es uns geht. Und bei den Anweisungen natürlich ebenfalls darauf reagieren.

Das wäre wirklich ein riesen-, riesengroßer Schritt für ihn und für uns. Alle, die Kinder haben, kennen die nonverbale Phase bei den eigenen Kindern in den ersten 1 bis maximal 2 Jahren. Ab da können sich die meisten Kinder ja schon echt gut ausdrücken. Bei Julian hält diese Phase nun schon 5,5 Jahre an und aktuell ist da noch kein Ende in Sicht. Also heißt es nun, fleißig mit Julian üben. Es wäre ein echter Traum, mit Julian richtig zu kommunizieren. Also heißt es auch hier: Daumen drücken.

Den Talker können wir komplett selber konfigurieren. Neben der einfachen Steuerung über die Bilder, können natürlich auch komplexere Themen eingebaut werden. Mit verschiedenen Ebenen, Seiten, Einbindung von Bildern, Musik, Text und natürlich bis klassisch zum Alphabet hin, sind noch sehr, sehr viele Möglichkeiten gegeben. Besondere Freude wird es beiden Kindern bereiten, dass das Gerät W-Lan hat und sie ab sofort die abendlichen Videos auf Julians Gerät schauen können.  

Das nun als kleines Update von uns. Wir geloben Besserung mal wieder häufiger etwas von uns hören zu lassen. Wir waren zum einen mit der Petition und vor allem aber auch mit den Auswirkungen des Pflegenotstands beschäftigt. Gerade in den Monaten Januar und Februar haben wir hohe bis sehr hohe Krankenstände bei unseren Mitarbeitern. Wir versuchen alles möglich zu machen, aber ab und an fällt dann doch ein Dienst aus, weil wir ihn nicht abdecken können. Und dann sind natürlich die Eltern gefordert. Auch bei Julian sind wir nicht davor geschützt, so dass wir die ein oder andere Schicht alleine gemacht haben. Wer hier unterstützen möchte und es noch nicht getan hat, kann gerne unsere Petition unterschreiben und verteilen: www.openpetition.de/!kinderhilfe.

Unterstütze unsere Petition

Seit der Gründung von Team DAVID im Jahr 2015 erleben wir tagtäglich den realen Pflegenotstand und daher wissen wir, wie schwierig es in diesem Bereich in Deutschland ist.

Wir möchten das Thema nun gerne in die Öffentlichkeit bringen, daher haben wir vor knapp zwei Wochen unsere Petition online gestellt. Seitdem haben wir bereits sehr viel Zuspruch erhalten.

Damit die Petition politisch relevant wird, benötigen wir 50.000 Unterschriften. Das können wir unmöglich alleine schaffen. Daher brauchen wir ganz viele Unterstützer, die sowohl unterschreiben als auch die Petition weiter verbreiten. Lasst uns gemeinsam aus der kleinen Welle eine richtig große Welle machen.

Unterschrieben werden kann online unter https://www.openpetition.de/petition/online/behinderte-und-schwerkranke-kinder-in-deutschland-brauchen-unsere-unterstuetzung oder auch offline – im Team DAVID Büro (Sighardstr. 45, 33098 Paderborn)  oder mit Hilfe der Unterschriftenbögen, die in der Petition heruntergeladen werden können.

Vielen Dank für die Unterstützung!