Wir haben uns das nicht ausgesucht!

Ich weiß nicht, wie oft wir diesen Satz in den letzten 6,5 Jahren gesagt oder gedacht habe. Nachdem Julian geboren war, wurde unsere Welt ziemlich auf den Kopf gestellt. Und wir haben oft gedacht, dass wir uns das so nicht ausgesucht haben.

Wir wollten nicht,

  • dass Julian die ersten Monate ums blanke Überleben kämpfen musste,
  • dass er mit 6 Wochen eine Tracheostoma bekommt,
  • dass wir insgesamt 5 Monate in Krankenhäusern verbringen und davon 2 Monate in Hamburg, was unser Familienleben komplett auseinander gerissen hat,
  • dass wir mit diversen Pflegediensten versucht haben, eine stabile Lösung für uns zu Hause zu finden.
  • dass wir mit Julian nur sehr eingeschränkt kommunizieren können.
  • dass wir seit dem immer darum herumtanzen, wie wir einen vernünftigen Urlaub hinbekommen, weil wir den Aufwand scheuen, den eine Flugreise mit Julian mit sich bringt.
  • dass unser Familienleben immer davon geprägt ist, dass wir selten zu viert alleine sind. Julian benötigt rund um die Uhr Betreuung.

Diese Liste könnte ich noch bis zur Unendlichkeit fortführen. In den letzten 6,5 Jahren haben wir uns von soooo soo vielen Dingen und Aktivitäten verabschiedet, die für die meisten Familien in diesem Land total selbstverständlich sind und über die ich mir vor der Geburt von Julian auch nie Gedanken gemacht habe. Zum Glück!

Und jetzt Corona. Auch jetzt möchte ich nicht,

  • dass die Schulen und Kindergarten geschlossen sind und den Kindern zu Hause die Decke auf den Kopf fällt,
  • dass uns jeden Tag neue negative Botschaften aus aller Welt ereilen,
  • dass wir unser ganzes Leben umstrukturiert haben,
  • dass meine Phantasialand-Clubkarte nun in der Ecke liegt und es völlig unklar ist, wann sie wieder zum Einsatz kommt und ich gemeinsam mit meinem Bruder dort schöne Stunden verbringe.
  • dass wir einfach nicht wissen, wann welche Lockerungen sinnvoll und nötig sind, um die Welt nicht ins völlige Chaos (finanziell, gesundheitlich, seelisch,…) zu bringen,
  • dass wir uns wichtige Menschen außerhalb der engsten Familie nicht mehr herzen und umarmen können.

Auch diese Liste kann jeder nach Belieben fortführen.

Und dennoch ist die Realität aktuell so.

  • Da hilft es aus meiner Sicht sehr wenig, zu schimpfen – egal wie und wo: mit sich selber, dem Partner, der facebook-Community, auf die Regierung, Herrn Drosten, Herrn Spahn, oder sonstwen.
  • Es führt auch nicht weiter, jeden Tag neue Verschwörungstheorien hervorzubringen und den großen, geheimen Plan aufzudecken. Ich glaube, es gibt ihn nicht! Bei Julian haben wir auch keinen gefunden – auch nach 6,5 Jahren nicht.
  • In Angst zu verharren.
  • Sich ständig selber zu bemitleiden.
  • Einen Schuldigen zu suchen. Ich glaube nicht daran, dass es den einen Schuldigen gibt. Bill Gates oder die WHO oder ein Labormitarbeiter in Wuhan oder oder oder? Ich denke, es ist eine Verkettung von so vielen Aktionen auf dieser Welt, die dazu geführt haben, dass die Situation nun so ist, wie sie ist.
  • Alles schwärzer zu malen, als es tatsächlich ist.
  • Alle anzuprangern, was sie falsch, zu spät, zu früh, zu irgendwas gemacht haben.
  • Und wer weiß es schon? Vielleicht haben wir es uns mit unserer „modernen“ Lebensweise es doch „ausgesucht“, dass es nun zu dieser Situation gekommen ist. Aber auch das ist müssig, darüber nachzudenken.

Was aus meiner Sicht weiterbringt:

  • Selbstverantwortung für sein Leben und seine Familie zu übernehmen.
  • Aktiv zu werden und sich für andere einzusetzen, denen es aktuell noch schlechter geht.
  • Sich neue Ziele zu setzen.
  • Kreativ zu werden – in der Familie, im Job, in der Freizeit.
  • Den Tag zu strukturieren und sich morgens vornehmen, diesen heutigen Tag gut zu meistern.
  • Sich selber jeden Tag etwas Gutes tun und stolz darauf sein, wie gut man die letzten Wochen schon geschafft hat.
  • Jeden Tag die positiven Dinge entdecken.
  • Seine Ängste bearbeiten. Was steckt da wirklich hinter? Wovor hast du Angst? Was ist der worstcase, der dich aktuell vielleicht lähmt? Mach es dir bewusst und arbeite daran!

Führe diese Liste gerne weiter. Was hilft dir in dieser Zeit?

 

Ein Gedanke zu “Wir haben uns das nicht ausgesucht!

  1. Ich deine Zeilen sehr ermutigend. Mich nervt dieses ewige nach der Schuld fragen sehr. Manches ist einfach so wie es ist und ja ich glaube wir haben uns lange in falscher Sicherheit gewiegt. Nun sind und Risiko für alle wieder näher gerückt und man erlebt das die Sicherheit nur vermeintlich war. Ich glaube genau wie du dass es wichtig ist auf die zu schauen, denen es schlechter geht als uns. Und mir hilft Struktur, Bewegung an der frischen Luft, lesen. Ängste gibt es trotzdem. Ich hab Asthma, die Lunge ist ein Wunder Punkt und morgen werde ich an der Basis arbeiten mich nicht schützen können. Und dann denkt man an die die im diesen Zeiten an vorderster Front stehen. Den Altenpflegerinnen die jetzt seit drei Wochen im Altersheim wohnen weil es unter Quarantäne steht. An die Flüchtlinge die egal bei welchem Krankheitsausbruch in den Lagern hochgefàhrdet sind. Es liesse sich so viel mehr aufzählen. Panik hilft nicht, Angst ist okay muss man irgendwie händeln.

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