Normalität – Was ist das?

Irgendwann kommt sie unweigerlich diese Aussage: Gerne bei einem Arzt oder Therapeuten oder ähnliches: „Naja, Sie wissen es ja, ganz normal ist Ihr Sohn ja nicht…“. Meistens schmunzel ich und kann mir den Kommentar nicht verkneifen: „Ach, finden Sie? Ich finde, für mich verhält er sich gerade ganz normal…“. Der Lacher ist damit oft auf unserer Seite.

Was hat es denn nun mit dieser Normalität auf sich? Ein Blick in den Duden verrät: normal ist „so [beschaffen, geartet], wie es sich die allgemeine Meinung als das Übliche, Richtige vorstellt“.

Über richtig und nicht richtig lässt sich ja vortrefflich streiten. Ist es richtig, dass Kinder bereits mit 3 Jahren den Tag über in der KITA verbringen? Oder ist es richtig, dass sie die ersten drei oder auch sechs Jahre zu Hause verbringen? Oder ist es richtig, dass sie auch bei den Großeltern aufwachsen? Oder ist es richtig, dass der Vater die Kinder größtenteils betreut, weil er Elternzeit genommen hat? Mit dieser Definition kommen wir nicht weiter.

Also halten wir uns mal an das „Übliche“. Was ist denn üblich? Bei einem Kind ist es laut einschlägiger Literatur üblich, dass es von Geburt an schlucken kann, sich mit 6 Monaten drehen kann, mit etwa 9 Monaten krabbeln kann, mit etwa 1 Jahr laufen kann, mit etwa 2 Jahren rückwärts gehen kann, usw. Den üblichen Ablauf kann man in jedem Baby-Aufwachs-Buch oder im Internet nachlesen (wobei es auch da schon starke Abweichungen gibt…). Jetzt kommt aber noch die allgemeine Meinung dazu. Was ist denn die allgemeine Meinung?

Der Duden verweist bei „Allgemeinheit“ auf die „Gesamtheit“ und definiert diese „als Menge aller Personen, Dinge, Vorgänge, Erscheinungen, die aufgrund von bestimmten übereinstimmenden Eigenschaften, Merkmalen, Bedingungen u. Ä. zusammengehören“. Ok. Wenn ich als Gesamtheit sämtliche Eltern der KITA nehme, stimmen diese mir vermutlich mit den oben genannten üblichen Fortschritten eines Kindes zu. Allerdings wird jeder von ihnen auch eine abweichende Meinung haben: „Mein Kind konnte schon mit 10 Monaten laufen“. „Mein Kind war faul und konnte erst mit 18 Monaten laufen.“ „Mein Kind konnte schon mit 1,5 rückwärts laufen“ oder „Mein Kind hat nie gekrabbelt. Es ist direkt gelaufen“. Bei 60 Kindern wird es 60 verschiedene Geschichten geben. Somit ist schon bei dieser Gesamtheit das Übliche und damit die Normalität sehr weit gestreut.

In der oben aufgeführten Definition steht auch nicht, wie groß diese Gesamtheit sein muss. Es müssen lediglich Personen sein, die „aufgrund von bestimmten Bedingungen zusammengehören.“ Ok. Bekommen wir hin: Julian hat schon eine Menge Personen kennen gelernt: viele Schwestern/Pfleger und Ärzte in diversen Krankenhäusern, eine Menge andere Eltern, unsere Familien, die Personen unserers Pflegedienstes, Therapeuten, Ärzte, Freunde, … Die Liste lässt sich schon beachtlich fortsetzen. Und all diesen Personen ist gemein, dass sie Julian schon länger kennen.

Und somit ist es für alle diese Menschen üblich, dass Julian nicht schlucken, nicht krabbeln und nicht laufen kann. Ganz im Gegenteil. Wenn er mal etwas zeigt, was den o.g. üblichen Fortschritten näher kommt (bspw. sich auf den Bauch drehen), wird das gelobt und hoch gehalten als eine für Julian unübliche Eigenschaften. Aber irgendwann ist auch diese Eigenschaft häufiger und wird wieder als üblich eingestuft. Und er hat eine Menge übliche Eigenschaften: sein Blick – der genervt oder auch einfach nur total süß sein kann, sein „Pinguinwalk“ (er sieht aus wie ein kleiner Pinguin, wenn er auf dem Boden liegt und rumzappelt) oder auch sein „Schnaufen“, wenn ihm irgendwas nicht gefällt und er bspw. eine Übung bei der Physiotherapeutin nicht mitmachen möchte. Er zeigt also für seine Allgemeinheit eine Menge an üblichen Verhaltensweisen.

Ergo: Julian ist eigentlich normal! … aber wer will schon normal sein. Er ist eben etwas ganz Besonderes  🙂

q.e.d.

Gerne verweisen wir auch auf diesen Artikel: http://www.zeit.de/2013/20/normalitaet-normen-und-grenzen. Er beschreibt Normalität auch ganz wunderbar.

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2 Gedanken zu “Normalität – Was ist das?

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